Systemrelevanz und Vertrauen

Dass unsere politische und ökonomische Elite in weiten Teilen immer noch nicht verstanden hat, was sich an der Peripherie der Euro-Zone abspielt, lässt sich hervorragend durch einen aktuellen Artikel im Handelsblatt dokumentieren. Eine Reihe von Chefökonomen von Banken kommt hier zu Wort und darf (Überraschung!) ganz im Sinne ihrer Arbeitgeber zum Besten geben, dass Zypern für die Euro-Zone nicht systemrelevant ist, dass ein Euro-Austritt der Insel nur kurzzeitige Turbulenzen auslösen werde, und dass die Märkte auch weiter an die Machbarkeit „politischer Akzeptanz für die Konditionalität“ glaubten (Übersetzung: In den Führungsetagen der großen institutionellen Anleger ist man nach wie vor davon überzeugt, dass die EU ihren Mitgliedsstaaten für „Hilfsgelder“ soziale Grausamkeiten abpressen kann). All die Herren reden so, als ob es die versuchte Zwangsabgabe auf die zypriotischen Bankguthaben nie gegeben habe, sie findet keine Erwähnung, und es wird so gedacht und geredet, als ob alle handelnden Akteure – von Merkel bis Asmussen, von der Kommission bis zur EZB – noch über denselben Vertrauensbonus verfügen würden, wie vor einer Woche. Tun sie nicht, und wir werden das nach meiner Überzeugung auch bald in seinen praktischen Konsequenzen sehen. Man kann die Frage der Systemrelevanz natürlich auf die Modellwelten von Analysten und neoliberalen Ökonomen zurück greifen. Aber für die Frage, ob das kleine Zypern wirklich „systemrelevant“ ist, d.h. ob ein Staatsbankrott oder ein Austritt aus dem Euro-Raum destabilisierende Wirkung auf das Gesamtsystem Euro-Zone haben wird, gibt es genau genommen, kein historisches Beispiel, aus dem man Erfahrungswissen ableiten könnte. Es ist in jüngerer Zeit kein souveräner Staat ohne eigene Währung und souveräne Notenbank bankrott gegangen. Und der Austritt einer Teilregion aus einem Währungsraum in Friedenszeiten kommt auch nicht jeden Tag vor. Was wir aber aus der Geschichte wissen, ist die vielfältige Erfahrung, dass das staatlich sanktionierte Spiel mit dem Geldwert (vermittelt über die staatlich sanktionierte und diskriminierungsfreie Entwertung von Bankguthaben) ein Spiel mit dem Feuer ist. Systemstabilität hat nämlich etwas mit Vertrauen zu tun, genau so wie der Geldwert. Zypern wird realistisch betrachtet wohl nicht Pleite gehen. Es spricht viel dafür, dass wir die Zeugen eines Pokerspiels werden, an dessen Ende Merkel als außenpolitische Dilettantin blamiert, die EZB auf eine Vereinigung von Gartenzwergen dezimiert und der ESM zum Papiertiger reduziert ist, weil Putin an der Peripherie der Euro-Zone ein gewichtiges Wort mitredet. Wir werden alle miteinander trotzdem erleben, wie systemrelevant dieses kleine Zypern für die Euro-Zone ist, weil für fast nichts Vertrauen zerstört wurde, das sich nicht mit ein paar Reden oder Federstrichen wieder herstellen lässt.

Alexander
Ich arbeite hauptberuflich als Staatssekretär für Arbeit und Soziales in Berlin und blogge auf Fliesstexte.de privat. Kontakt: alxr.fischer@gmail.com. Auf Twitter folgen: http://www.twitter.com/alexfischer.

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