Generation Kohl Ost

Ich lese an diesem Sonntagmorgen einen Kommentar in der „Bild am Sonntag“ über die „Generation Kohl“, mit der „alle“ gemeint sind, die in den 80er und 90er Jahren erwachsen wurden. Nun mag es sogar so sein, dass die Erinnerung an die Kohl-Ära heute für viele mit der Erinnerung an eine Zeit vermeintlicher Gewissheiten und Stabilitätsversprechen erinnern. Das ist aber alles andere als besonders bemerkenswert. Wir erinnern uns fast immer mit einem gewissen Wohlbehagen an eine Geschichte, die wir mehr oder weniger schadlos überstanden haben, ganz einfach deshalb, weil wir (anders als heute) das Ende kennen. Ich gehöre auch zu dieser „Generation Kohl“, aber ich erinnere mich an diese Jahre etwas anders. Und das mag damit zu tun haben, dass ich aus dem Osten der Republik komme. Meine erste direkte Erinnerung an Helmut Kohl reicht in den Dezember  1989 zurück. Damals sprach Helmut Kohl in meiner Heimatstadt vor einem Meer aus Deutschlandfahnen. Ich war 15 und stand mit einigen Freunden auf dem Platz. Wir wollten eigentlich nichts Bestimmtes. Aber wir waren erkennbar „Linke“, und das war zu dieser Zeit an manchen Orten zur falschen Zeit recht gefährlich. Und so sprach vorn Helmut Kohl über die Einheit, und 200 Meter davon entfernt wurden wir von Anhängern der DSU (eines ostdeutschen Rechtsablegers der CDU) vom Platz gejagt. Dafür konnte natürlich Helmut Kohl nichts. Aber es eröffnet eben doch einen anderen Erinnerungshorizont. Ich behaupte, diejenigen, die im Osten der Republik Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre erwachsen wurden, erinnern sich an diese Zeit anders und an Helmut Kohl anders.

Im Osten der Republik war die „Generation Kohl“, so wie sie die Bild-Zeitung aus einer rein westdeutschen Perspektive beschreibt, eine Veranstaltung derjenigen, die 1990 30 Jahre oder älter waren, meistens sogar sehr viel älter. Im März 1990 sorgten im Wesentlichen unsere Großeltern, geködert mit dem Versprechen harter D-Mark-Renten, dafür, dass die „Allianz für Deutschland“ die absolute Mehrheit bei den ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR errang. Damit war die Entscheidung besiegelt, dass die DDR im Juli 1990 in eine (wirtschaftlich verheerende) Währungsunion mit der BRD und im Oktober 1990 der Bundesrepublik beitrat. In den ostdeutschen Städten konnte man in diesen Jahren als junger Mensch viel Freiheit erleben, wenn man sie sich nahm, und viel Tristesse, wenn man sich ihr ergab. Das Lebensgefühl „meiner“, der Generation Kohl Ost, also derjenigen, die in diesen Jahren Teenager und junge Erwachsene waren, kam viel stärker in einem Film aus dem Jahr 1997 zum Ausdruck, der „Das Leben ist eine Baustelle“ hieß. Ein junger Jürgen Vogel spielt hier die mehr oder weniger gescheiterte Existenz eines Mit-Zwanzigers, der durch das Nachwende-Berlin treibt. Scheitern als Massenerfahrung, Chaos, Absurditität, Verrücktheit, Trauer und Liebe. „Die Liebe in Zeiten der Kohl-Ära“ lautet ein Graffiti, an dem die Protagonisten des Films in einer Nacht vorbeilaufen.

Helmut Kohl war in dieser Welt ein ferner Mann in einer fernen Stadt, die sich Hauptstadt des Landes nannte, dessen Bürger man nun war. Er stand für eine Stabilität, die man vor allem im Westen der Republik erleben konnte, während im Osten Biografien, Familien und Lebensläufe durcheinander gerüttelt wurden. Damit mich niemand falsch versteht, ich habe der DDR nie nachgetrauert. Ich bin dankbar für das Glück, dass ich als Teenager die Erfahrung einer gefühlt unbegrenzten Freiheit machen durfte. Aber es war eine andere Freiheit als die, die BILD meint, und es ist auch eine andere Erinnerung.