Der freie Markt

Sie sind im Stadtbild kaum noch zu übersehen, die von der Dumping-Airline Ryanair angekündigten 100 Plakate zur Bewerbung der Initiative „Berlin braucht Tegel“ beim anstehenden Volksentscheid über die Schließung des Flughafens. Was das Unternehmen proaktiv als finanzielle Unterstützung der Befürworter/innen einer Offenhaltung des Flughafens kommunizierte, ist aber auch eine temporäre Flutung des öffentlichen Raums in Berlins mit Werbung für die Airline. Denn die 100 Plakate sind klar in der Ästhetik und der Farbgebung der Airline gehalten. Sie enthalten auch unübersehbar links unten das Logo der Airline und ihren Werbeslogan. Es handelt sich also auch (und ich behaupte: vor allem) um 100 gut platzierte Großflächenwerbetafeln für die Airline. Dies alles lohnt vor dem Hintergrund des umkämpften Berliner Werbemarkts eine kleine auf begründeten Vermutungen und Schätzungen beruhende Kalkulation (die jeder und jede gern mit Fakten ergänzen und korrigieren kann).

Soweit ersichtlich handelt es sich bei den Werbeflächen von Ryanair um sogenannte Wesselmanntafeln im Format 3,70 m x 2,90 m, und damit um Werbeanlagen im Sinne von § 11 Abs. 2a des Berliner Straßengesetzes, der die entgeltfreie Nutzung des öffentlichen Straßenraums vor politischen Wahlen und Volksentscheiden regelt. Wesselmanntafeln werden von der gleichnamigen Firma (in einem Fast-Monopol) auf Basis dieser und ähnlicher Regelungen an anderen Orten vor Wahlen und Volksentscheiden aufgestellt. Gehen wir davon aus, dass Ryanair diesen Weg gegangen ist, muss man mit Kosten von etwas 500 Euro für Auf- und Abbau der Plakate rechnen. Ich rechne zusätzlich noch (großzügig) mit einer Agenturleistung und Druckkosten in Höhe von 5.000 Euro, die dem Unternehmen entstanden sein können. Macht also für 100 Standorte im Berliner Straßenraum überschlägig Kosten in Höhe von 55.000 Euro, die Ryanair für die „Unterstützung“ der Initiative „Berlin braucht Tegel“ aufbringt. Dabei ist freilich zu beachten, dass Ryanair diese Kosten mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit steuerlich geltend machen kann und machen wird. Am Ende dürften die Netto-Aufwendungen also viel eher zwischen 30.000 und 40.000 Euro liegen.

Was aber bekommt Ryanair für dieses Geld. Zunächst kann man hier damit argumentieren, dass eine Offenhaltung des Flughafens Tegel im freilich nicht näher bezifferbaren ökonomischen Eigeninteresse des Unternehmens liegt. Damit charakterisiert man die Aufwendungen klassisch im Wesentlichen als eine (freilich recht originelle) Art des politischen Lobbyings eines Unternehmens. Wenn man aber wie ich eingangs dargestellt habe, die Werbetafeln auch als klassische Unternehmenswerbung mit Logo und Werbeslogan einstuft, dann muss man sich fragen, was Ryanair für 100 Werbetafeln in einem Zeitraum von 8 Wochen (das ist die Frist, die das o.g. Gesetz in Berlin für die Aufstellung solcher Werbeanlagen einräumt) aufwenden müsste. Straßenwerbetafeln in dieser Größe lassen sich in Berlin ab etwa 10 Euro pro Tag anmieten, wenn man sich mit nicht im direkten Blickfeld von Auto- oder Fußgängerverkehr liegende Werbeflächen auf Nebenstraßen zufrieden gibt. Prominentere Werbeflächen kosten freilich weitaus mehr, rund 50 Euro pro Tag auf dem Bahnsteig eines großen Bahnhofs oder über 60 Euro pro Tag an stark befahrenen Straßen und Kreuzungen. Die Standorte der Ryanair-Wesselmanntafeln, die z.B. auf dem Mittelstreifen stark befahrener Straßen stehen, ähneln eher letzteren als ersteren. Aber gehen wir ruhig davon aus, dass es nur 25 Euro pro Tag wären, die Ryanair für die Anmietung einer dieser Flächen auf dem Berliner Werbemarkt aufwenden müsste (billiger würde es jedenfalls kaum. Für 56 Tage wären das also überschlägig rund 1.400 Euro pro Werbefläche, für 100 Werbeflächen würde die stolze Summe von 140.000 Euro. Agentur- und Herstellungskosten wären auch hier in der o.g. Höhe fällig, aber auch hier muss in Rechnung gestellt werden, dass die Kosten steuerlich absetzbar wären und am Ende wohl unter 100.000 Euro lägen.

Dennoch ergibt der überschlägige Vergleich ein interessantes Ergebnis. Wenn die Annahme stimmt, dass Ryanair in den Genuss der Regelungen von § 11 Abs. 2a des Berliner Straßengesetzes kommt, wofür vieles spricht (der Gesetzestext sagt nur etwas über die Art der Werbeanlagen, er grenzt nicht den Kreis möglicher Urheber/innen ein), dann dürfte das Unternehmen einen Bruttobetrag von rund 50.000 Euro aufwenden, um eine Werbeleistung zu generieren, die am freien Werbemarkt in Berlin weit mehr als das Doppelte kosten würde. Man kann also mit gutem Recht die Vermutung in den Raum stellen, dass Ryanair mit seiner Unterstützung der Initiative „Berlin braucht Tegel“ eine äußerst günstige Werbekampagne für die eigene Marke im Berliner öffentlichen Raum verbindet, und in diesem Fall ein für politische Debatten geschaffenes gesetzliches Privileg für Unternehmenswerbung missbraucht. Dass es eine politische Partei gibt, die das wohlwollend ermöglicht hat, sonst aber bei jeder Gelegenheit den freien Markt preist, sagt als Randnotiz viel über deren politische Glaubwürdigkeit aus.

Alexander
Ich arbeite hauptberuflich als Staatssekretär für Arbeit und Soziales in Berlin und blogge auf Fliesstexte.de privat. Kontakt: alxr.fischer@gmail.com. Auf Twitter folgen: http://www.twitter.com/alexfischer.