Hammer oder Amboss, Wolf oder Schaf

Ich beobachte (den öffentlich sichtbaren) Björn Höcke seit rund 4 1/2 Jahren. Und ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich ihn das erste Mal selbst erlebt habe. Es war am Abend der Thüringer Landtagswahl 2014 in Erfurt im Landtag bei einem seiner vielen Fernsehauftritte. Ich bin Historiker und habe mich während und nach meinem Studium viel mit der Zeit des Nationalsozialismus und der Frühgeschichte des deutschen Rechtsextremismus beschäftigt. Das tiefe Unbehagen kam sofort, als ich Höcke an diesem Abend hörte, obwohl ich ihn zu dieser Zeit gar nicht kannte. Nun, ich durfte und musste ihn kennen lernen, wenn auch niemals persönlich. Aber ich erinnere mich noch gut an einen Nachmittag im Herbst 2015. Ich war Thüringer Regierungssprecher und stand vor der Erfurter Staatskanzlei. Die AfD hatte eine Menschenmenge dorthin mobilisiert. Höcke sprach, von „Angsträumen für blonde deutsche Frauen“, von „seinem Deutschland“, das wie ein „Stück Seife“ unter fließendem Wasser zu zerfließen drohe, usw. Ich musste eigentlich zum Zug nach Berlin, aber ich habe ihn an diesem Nachmittag verpasst, weil ich mir diese Rede bis zum Ende anhören wollte.

Ich spürte, damals noch eher instinktiv, dass dieser Mann auf eine schwer greifbare Weise aber dennoch tief verankert in der Traditionslinie des deutschen Rechtsextremismus steht, die vom Ende des Ersten Weltkriegs durch 100 Jahre deutscher, europäischer und globaler Geschichte eine Spur von Mord, Zerstörung und gesellschaftlicher Spaltung zieht. Schwer greifbar, weil Höcke sehr genau weiß, wo die Grenzen des jeweils juristisch und politisch sagbaren liegen, und an welcher Stelle er jeweils eine weitere Dehnung nach rechts außen vornimmt. Man muss tief in die Geschichte der Worte und Phrasen des deutschen Rechtsextremismus einsteigen, aber dann wird schnell klar, wessen Geistes Kind Björn Höcke ist. Er steht ideologisch in der Tradition des Nationalsozialismus, und er vermittelt diese Botschaft subtil, aber hörbar für alle, die es hören wollen. Beispielhaft dafür steht eine Rede, die Höcke gestern, am 23.6.2018 auf dem Kyffhäuser-Treffen des rechtsextremen „Flügels“ der AfD gehalten hat.

Es ist schwer erträglich, dieser Rede zu folgen, wenn man kein überzeugter Rechtsextremist ist. Wenn Höcke von 1000 Jahren deutscher Geschichte redet, oder wenn er über die angeblich drohende „Auslöschung“ des deutschen Volkes (dessen, was er dafür hält) fantasiert und dies als drohenden „Zivilistionsbruch“ charakterisiert, der angeblich noch nie dagewesen sei. Aber das muss man sich nicht alles antun. Es reicht schon, wenn man sich das Video etwa ab der 18. Minute anschaut. Höcke referiert hier zunächst die (historisch) berühmt gewordene „Hammer-oder-Amboss-Rede“ des damaligen Außenstaatssekretärs und späteren Reichskanzlers Bernhard von Bülow vom Dezember 1899. Aus dieser Rede stammt der viel zitierte Satz: „In dem kommenden Jahrhundert wird das deutsche Volk Hammer oder Amboß sein.“ Höcke sagt in seiner Rede noch, wenn man sich das Manuskript der Rede anschaue, sehe man, dass sie eigentlich ausgewogen sei (mit dieser Einschätzung dürfte er freilich unter Historiker/innen weitgehend allein stehen). Aber er zitiert dann eben doch augerechnet diesen Satz, und er führt ihn mit einer bemerkenswerten Analogie in die Gegenwart:

„Heute, liebe Freunde, lautet die Frage nicht mehr Hammer oder Amboss, heute lautet die Frage Schaf oder Wolf. Und ich, liebe Freunde, meine hier, wir entscheiden uns in dieser Frage: Wolf.“

Man muss etwas tiefer eintauchen in die Geschichte des deutschen Nationalsozialismus, um die Tragweite dieser Anspielung zu verstehen. Die „Hammer-oder-Amboss“-Analogie gehörte zu den konstanten rhetorischen Figuren von Adolf Hitler seit seinen frühesten Tagen als Parteiredner der NSDAP. Aber woher kommen die Schafe und Wölfe? Nun, am 30.4.1928 verfasste der damalige Berliner Gauleiter der NSDAP, Josef Goebbels einen Leitartikel für die Berliner Parteizeitung „Angriff“, in dem er programmatisch das parlamentarische Wirken der Nazis charakterisierte. Dort hieß es:

„Wir kommen nicht als Freunde, auch nicht als Neutrale. Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir!“

Höcke ist klug genug, keinen von beiden zu zitieren. Aber er ist selbst Historiker, Geschichtslehrer mit umfangreichen Kenntnissen dieser Zeit. Und er dürfte sehr genau wissen, wie die rhetorischen Fragen „Hammer oder Amboss?“ und „Schaf oder Wolf?“ zur Ideologie- und Propagandageschichte des Nationalsozialismus gehören. Und wer diese Redepassage mit entsprechender historischer Kenntnis liest, kann auch keinen Zweifel daran haben, auf welcher historischen Kopiervorlage Höckes Ideologie und Propaganda aufsetzt.

Alexander
Ich arbeite hauptberuflich als Staatssekretär für Arbeit und Soziales in Berlin und blogge auf Fliesstexte.de privat. Kontakt: alxr.fischer@gmail.com. Auf Twitter folgen: http://www.twitter.com/alexfischer.