Auf der Seite der Verlierer

Als vor 100 Jahren an der Westfront die Waffen schwiegen, endete der Erste Weltkrieg, aber es sollte nur knappe 21 Jahre dauern, bis das Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg begann und eine noch weit größere Welle von Mord, Grauen, Elend und Vertreibung über den Kontinent und einen Großteil der Welt brachte. Der Erste Weltkrieg gilt mit Recht als die „Urkatastrophe“ des Zwanzigsten Jahrhunderts. Das Ende des Ersten Weltkriegs war neben vielem anderen auch die Geburtsstunde eines radikalisierten modernen deutschen Rechtsextremismus, der mit seiner Radikalität, seinem Antisemitismus, seinem völkischen Rassismus, nicht zuletzt seinem Biologismus, eine Massenbasis und eine Dynamik erreichte, die Europa nach zwei Jahrzehnten in die zweite große Katastrophe stürzte. Die Kontinuitätslinien der deutschen Spielart des europäischen Faschismus, von der der Nationalsozialismus zunächst nur eine Strömung war, die aber die anderen Strömungen der deutschen Rechten letztlich zu einer zerstörerischen Synthese vereinigte, reichen von 1918 bis ins Heute und inzwischen auch bis in den Deutschen Bundestag und alle Landtage. Die AfD  

Zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs legte Ernst Jünger mit seinem Buch „In Stahlgewittern“ eine literarische Verarbeitung seiner Kriegserlebnisse zwischen 1915 und 1918 vor. Dieses Buch enthält eine Episode aus dem September 1917. Jünger lag mit seiner Kompanie in Nordfrankreich französischen Truppen gegenüber und sollte ein Stoßtruppunternehmen anführen. Jünger und sein Trupp stiegen an einem frühen Morgen aus den deutschen Gräben und dringen in das französische Grabensystem ein. Sie verirren sich im Gewirr der Gräben, stoßen auf französische Soldaten. Letztlich gelingt Jünger mit einigen wenigen Überlebenden der Weg zurück in die deutschen Linien. Das Unternehmen gilt zwar als missglückt, weil keine Gefangenen gemacht wurden, aber Jünger befindet sich in einer Hochstimmung, die er ausgiebig reflektiert. Diese Passage gehört zu den eindringlichsten des Buches, weil sie die Ebene der sachlichen Beschreibung weit verlässt und stellenweise in beinahe surreale Beschreibungen mündet. Und sie endet mit einem bemerkenswerten Bild. Jünger reflektiert das Erlebte und zitiert abschließend den französischen Heeresbericht. Für sich und seinen Stoßtrupp findet er folgendes Bild: „Es waren Wölfe gewesen, die sich beim Einbruch in eine Hürde verirrt hatten.“ 

Ernst Jünger ist allein deshalb eine interessante Figur, weil sich von seiner Biografie eine lange Linie durch den deutschen Rechtsextremismus bis heute ableitet, die u.a. über Carl Schmitt und Armin Mohler bis zu Götz Kubitschek und dem inzwischen landesweit bekannten Thüringer AfD-Chef Björn Höcke reicht (das 2016 erschienene Buch von Volker Weiß über „Die autoritäre Revolte“ ist hierfür ein lesenswerter Fundus an Belegen). Auch sein Bild wanderte durch ein Jahrhundert. 1928 verfasste der damalige Berliner Gauleiter der NSDAP , Josef Goebbels einen Leitartikel, in dem er programmatisch das Verhältnis der Nazis zur parlamentarischen Demokratie charakterisierte: „Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir!“. Noch einmal 90 Jahre später hielt der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke eine Rede, die man eigentlich nur als überzeugter Rechtsextremist ertragen kann. In einer Passage referiert Höcke zunächst die (historisch) berühmt gewordene „Hammer-oder-Amboss-Rede“ des damaligen Außenstaatssekretärs und späteren Reichskanzlers Bernhard von Bülow vom Dezember 1899. Aus dieser Rede stammt der viel zitierte Satz: „In dem kommenden Jahrhundert wird das deutsche Volk Hammer oder Amboß sein.“ Höcke, der als Geschichtslehrer ganz sicher weiß, dass die Hammer-Amboss-Analogie schon zu den Konstanten des frühen Adolf Hitler als Parteiredner der NSDAP gehörte, sagt weiter, wenn man sich das Manuskript der Rede anschaue, sehe man, dass sie eigentlich ausgewogen sei (mit dieser Einschätzung dürfte er freilich unter Historiker/innen weitgehend allein stehen). Aber er zitiert dann eben doch augerechnet diesen Satz, und er führt ihn mit einer bemerkenswerten Analogie in die Gegenwart: „Heute, liebe Freunde, lautet die Frage nicht mehr Hammer oder Amboss, heute lautet die Frage Schaf oder Wolf. Und ich, liebe Freunde, meine hier, wir entscheiden uns in dieser Frage: Wolf.“

Dieser kleine Exkurs belegt, wie unübersehbar sich schon in der Kontinuität sprachlicher Bilder die Kontinuität eines Jahrhunderts deutscher Rechtsextremismus spiegelt. Wer tiefer in die Sprache Jüngers und Höckes einsteigt, hört in Höcke deutlich das Echo Jüngers und seiner Adepten. Wer Jüngers ideologische Rezeption durch die „Generation der Sachlichkeit“, die Ulrich Herbert stellvertretend am späteren Personalchef des Reichssicherheitshauptamtes Werner Best herausarbeitet, in Rechnung stellt, weiß um die Wirk- und Handlungsmächtigkeit dieses Denkens, das nicht zu den ideologischen Oberflächenströmen des „Dritten Reiches“ zählte (nach dem Krieg sogar mit etwas Verrenkung den Status einer stillen Dissidenz für sich in Anspruch nahm), aber das Denken und Handeln einer ganzen Generation von betont sachlichen Planern des Massenmords entscheidend prägte. 

Es gehört zu den Verdiensten der beiden Historiker Weiß und Herbert, dass sie die Denk- und Handlungslinien dieser Strömung des deutschen Rechtsextremismus bis weit in die Nachkriegszeit nachgezeichnet haben. Das Bild von den Wölfen, dem aus der zivilisierten Welt ausgeschlossenen Rudel von Raubtieren, die über alle Hürden in eine Herde von friedlichen Tieren einbrechen, führt, wie hier gezeigt wurde, zurück zu konservativ-nationalistischen Denklinien vor dem Ersten Weltkrieg, die zunächst in jenen Annexionismus der deutschen Rechten während des Krieges mündeten, der den Weg zu einem früheren Friedensschluss versperrte, und die sich nach dem Krieg über die populäre Dolchstoßlegende zum Bild von einem im Felde unbesiegten Reiches, dessen Helden (für die beispielhaft und als Rollenbild Jünger stand) die Mission hätten, zunächst die Republik auszuradieren und dann das Ergebnis des Krieges. 

Einem Erinnern, das nach dem Zweiten Weltkrieg in eine deutsch-französische Versöhnung und symbolische Gesten münden sollte, stand dieses Denken konträr gegenüber. In der Tradition von Jünger (dem man zugute halten muss, dass er sich später deutlich löste), Best, Mohler, Kubitschek und Höcke war und ist der Erste Weltkrieg deshalb die Urkatastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts, weil er für Deutschland in eine katastrophale und zu Unrecht erlittene Niederlage mündete. Dieses Denken wurzelt bis heute auf der Seite der damaligen Verlierer, unbeeindruckt aller symbolischer Gesten der deutsch-französischen Versöhnung. Wie fest diese Wurzeln sind, zeigt eine rund 40-sekündige Aufnahme vom Partei- und Bundestagsfraktionschef der AfD, Alexander Gauland:

Was Gauland hier zu Protokoll gibt, ist die ungebrochene Kontinuität dieses Denkens und die Antithese zu jener Geste der Versöhnung und des Innehaltens, die der französische Präsident Emanuel Macron und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem Bild und einem Wort sendeten, das in den Geschichtsbüchern bleiben wird:

Gauland bezeichnete die Feierlichkeiten mit einem glatten Kontrapunkt zu dem „Unis“ von Macron und Merkel als „Siegesfeier“ der „damaligen Verbündeten“, an der man sich nicht beteiligten solle. Und er sagt nicht, dass Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren hat, sondern, dass „wir {.} den Krieg verloren“ hätten. Vieles, so Gauland, habe zum Krieg geführt, auch „deutsches Ungeschick“, und man könne sich heute nicht „auf die Seite der Sieger schlagen“. 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges liefert Alexander Gauland in 40 Sekunden den Beleg dafür, dass die deutsche extreme Rechte zwar inzwischen die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg anerkennt, aber unfähig zur Bejahung symbolischer Versöhnungsgesten, wie sie ein Ernst Jünger bereits zum 50. Jahrestag des Kriegsausbruchs im August 1964 fertigbrachte.

Damals sagte Jünger in einer Ansprache: „Die Welt von heute ist ohne den Ersten Weltkrieg sicherlich undenkbar. Man kann also sagen, dass die Opfer Früchte getragen haben. Andererseits war es so, dass wir uns dies damals nicht vorstellen konnten. Heute kenne ich keinen einzigen Deutschen, der nicht für die Freundschaft unserer beiden Länder brennen würde.“ Und 15 Jahre später sagte er in Verdun, wo 1916 eine der schlimmsten Schlachten dieses Krieges getobt hatte: die Festung öffne sich dem „Freund“. Wo Jünger stellvertretend für die Teil-Demobilisierung des deutschen Rechtsextremismus und Deutschnationalismus nach dem Zweiten Weltkrieg steht (obwohl mit Armin Mohler der Spiritus Rektor der bundesdeutschen „neuen Rechten“ ausgerechnet 1949 bis 1953 sein Privatsekretär war), steht Gauland mit seiner unbelehrbaren Ablehnung von Symbolen der Freundschaft und Versöhnung für die Kontinuitätslinien in der Gedankenwelt der deutschen extremen Rechten seit dem Ersten Weltkrieg.

„Die alten Dämonen steigen wieder auf und sind bereit, ihr Werk von Chaos und Tod zu vollenden.“, sagte Emanuel Macron heute in seiner Gedenkrede. Sie sind schon da, sie waren wohl auch nie wirklich weg. 

 

Alexander
Ich arbeite hauptberuflich als Staatssekretär für Arbeit und Soziales in Berlin und blogge auf Fliesstexte.de privat. Kontakt: alxr.fischer@gmail.com. Auf Twitter folgen: http://www.twitter.com/alexfischer.