100 Jahre nach der Gründung der KPD

Heute vor 100 Jahren wurde in Berlin die KPD gegründet. Ein Jubiläum, das nicht gefeiert wird, sondern zum Nachdenken über die deutsche Linke einlädt. Die Gründung der KPD beurkundete einen Spaltungsprozess, der 1914 mit einem großen (freilich im Rückblick viel leichter erkennbaren) Fehler, der Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten, begonnen hatte. Die KPD vereinigte, nicht zuletzt nach der Vereinigung mit der Mehrheit der USPD, Strömungen der deutschen Arbeiter/innenbewegung, die von radikallinker Reformpolitik bis zu Sektierertum reichte. Dass sich der Stalinismus als alternativlose Parteilinie durchsetzte, war 1918 noch nicht ausgemacht, gehört aber zu den großen Hypotheken, die die Republik letztlich so schwächten, dass sie 1933 dem Angriff der Nazis und der Reaktion nichts entgegenzusetzen hatte.

Nein, die Republik ging nicht ursächlich an den Angriffen der KPD zugrunde. Für den Staat und die demokratischen Institutionen war sie schlicht zu keinem Zeitpunkt eine ernsthafte Gefahr. Aber die im Rückblick bizarr wirkende Unfähigkeit, eine tödliche Gefahr zu erkennen und die einzig richtige Gegenstrategie zu wählen, die Einordnung in die dünnen Reihen derer, die zur bedingungslosen Verteidigung der Republik bereit waren, macht die KPD zu einer politischen Schlüsselakteurin des Untergangs der Weimarer Republik. Diese Mitschuld durch Unterlassen hat auch die KPD selbst unendliche Opfer gekostet. Die SPD war 1933 deshalb die einzige Partei, die gegen das Ermächtigungsgesetz stimmte, weil die Abgeordneten der KPD bereits allesamt inhaftiert oder im Exil waren.

Der stalinistische Voluntarismus, der auf der letztlich in linksradikalen Sektendenken wurzelnden Vorstellung beruhte, man könne und müsse Abkürzungen durch den Wald der Geschichte schlagen, Abkürzungen, die jedes Opfer rechtfertigten, und sei es der massenhafte Mord an den eigenen Schwestern und Brüdern, dieser stalinistische Wahn lebte weiter, er forderte Opfer, er wurde schließlich selbst Geschichte, eine des historischen Scheiterns, das die politische Linke bis heute prägt. Spuren dieses Voluntarismus finden sich aber bis heute, und sie prägen quälende Debatten in der politischen Linken, auch wenn der Stalinismus nur noch in Sekten überlebt hat. Die Fähigkeit, eine existenzielle Gefahr zu erkennen und ihr durch ein über die Linke hinaus geeintes Handeln zu begegnen, ist heute immerhin ausgeprägter als vor 90 Jahren, aber auch da ist, sagen wir Luft nach oben (umgekehrt aber noch mehr in den Reihen der Bürgerlich-Konservativen, das gehört auch zur Wahrheit).

Die KPD gehört zum historischen Erbe der politischen Linken, ob die es nun will oder nicht. Dieses Erbe anzunehmen, heißt, es durch fundamentale Kritik zu würdigen. Die Bewegung, aus der auch die KPD entsprang, ist heute im Moment einer tiefen Niederlage und liegt am Boden, bislang zu schwach, die Neuordnung entlang der Linie Nationalpopulismus vs. Neoliberalismus durch einen dritten Pol, nennen wir ihn soziale Erneuerung, zu ergänzen, ja vielerorts sogar zu schwach, um der Abschaffung demokratischer Grundrechte etwas Wirksames entgegen zu setzen. In der Bundesrepublik haben wir freilich den ersten Kampf noch nicht unwiderruflich verloren, und den zweiten sogar noch selbst zu einem guten Teil in der Hand.

Wenn wir heute an jene denken, die vor 100 Jahren die KPD gründeten, dann trauern wir um ihre Opfer, um jene die sie forderten, und jene die sie selbst brachten, dann sollten wir die Bestürzung über ihre Irrtümer zum Anlass nehmen, unsere eigenen Gewissheiten darauf hin zu überprüfen, ob sie einer Gegenwart standhalten, in der Gewissheiten wie Dominosteine fallen. Wenn es wenigstens dazu führt, dass wir die Gefahr diesmal rechtzeitig erkennen, dann hat sich das Nachdenken gelohnt.

Alexander
Ich arbeite hauptberuflich als Staatssekretär für Arbeit und Soziales in Berlin und blogge auf Fliesstexte.de privat. Kontakt: alxr.fischer@gmail.com. Auf Twitter folgen: http://www.twitter.com/alexfischer.