Erneuerung

Die Union hat es wieder mal geschafft. Neun Wochen nach der Bundestagswahl hat sie die bei Lichte betrachtet schwerste Wahlniederlage seit über 60 Jahren wenigstens kommunikativ verarbeitet und verdaut. Die alte Kanzlerin, über deren Verantwortung man reden könnte, wird auch die neue Kanzlerin sein, daran zweifelt niemand mehr. Und die SPD? Sie tat nach der Wahl als geschlagene Partei das einzig strategisch Richtige, ging bildlich gesprochen als verletzte Spielerin vom Feld und entzog sich weiteren Auseinandersetzungen, die sie kurzfristig gar nicht gewinnen konnte. Aber das hat sich in der letzten Woche wieder geändert. Die SPD ist nicht signifikant erholt, sie hat ihre Niederlage nicht verarbeitet (was für sie anders als für die Machtmaschine Union ein Problem ist), sie spricht in entscheidenden Situationen und Fragen nicht mit einer Stimme, aber sie hat sich (vor allem wegen letzterem) wieder aufs Spielfeld zerren lassen. In jedem nun denkbaren Szenario ist sie in der Defensive. Durch das Bekenntnis der Union zu einer neuen GroKo hängt die (vermeintlich) staatspolitische Verantwortung für die Bildung einer stabilen Regierung nun an ihr. Christian Lindners Amateurverein sitzt jetzt dafür jung und unverbraucht am Spielfeldrand und wartet nur darauf, bald Blutgrätschen von rechts zu setzen. Die Grünen und DIE LINKE bekommen vor allem im Fall einer glückenden Regierungsbildung ein wenig Zeit geschenkt, um ihre internen Auseinandersetzungen zu regulieren. Die SPD steht derweil in der Rolle der Fordernden, wahlweise der Bittstellerin auf dem Feld, die sich in jedem Fall einer geglückten Regierungsbildung dafür rechtfertigen muss, ob sie wirklich genug heraus geholt hat, ob sich das, was die Konkurrenz von links schon als „Umfallen“ kritisiert, wirklich gelohnt hat. Und wenn es Neuwahlen gibt, dann wird sie von den einen die Schuld dafür angehängt bekommen (und dies wird einfach sein, weil ja nun in der öffentlichen Wahrnehmung alles an der SPD hängt), und von den anderen als „Umfallerpartei“ tituliert werden. Deshalb ist es zwar nachvollziehbar, aber auf den zweiten Blick nicht ratsam, wenn jetzt aus der SPD schon offensive Verhandlungslinien öffentlich kommuniziert werden. Das wäre es nur dann, wenn es in allen drei Parteien diesseits der Union mit einer strategischen Neuorientierung korrespondieren würde, die bei Neuwahlen in eine Ablösungsperspektive für Merkel und die Union münden würde. Solange es diese strategische Ablösungsperspektive nicht gibt, bleiben alle drei Parteien in der Defensive, die SPD weil sie die Bildung eines progressiven Lagers durch die Weigerung es anzuführen blockiert, die Grünen weil sie nach einem missglückten Lagerwechsel vor einer Richtungsauseinandersetzung stehen, und DIE LINKE schließlich weil sie die Erwartungen ihrer neu gewonnenen Wähler/innen auf Dauer eben nicht als mahnende Ruferin vom linken Spielfeldrand erfüllen kann. Alle drei Parteien stehen vor der Aufgabe, einen Erneuerungsprozess zu wagen. Bei all dem geriete in Vergessenheit, was vor neun Wochen deutlich sichtbar war: dass diese Kanzlerin nicht ewig sondern schlagbar ist.

Gegen die Wand

Ich wage hier mal eine steile These: Da wissen vier Parteien längst, dass sie nicht miteinander regieren können und fahren den Karren kalkuliert gegen die Wand. Eigentlich geht es längst um die Aufstellung für mögliche Neuwahlen. Die CDU/CSU, oder sagen wir besser die CSU und der Anti-Merkel-Flügel der CDU, wollen ohne Merkel in diese Wahl ziehen und sich in die Fußstapfen der ÖVP aufmachen, in der Hoffnung, entweder die AfD klein genug zu machen, oder (und?) sie auf mittlere Sicht als Partnerin einer „Mitte“-Rechts-Regierung aufzubauen. Die FDP will im Moment überhaupt nicht regieren (das zeigt im Übrigen allein, wie sie personell bei den Sondierungen aufgestellt sind) und baut bei Neuwahlen erneut auf die Strategie „Lindner mit IPhone gegen den Rest der Welt“ (ergänzt um gewonnene marktradikale Profilierung in der medialen Sondierungsschlacht). Und die Grünen hoffen, mit einem durch Reibung in ebendieser Sondierungsschlacht gewonnenen Profil in der Flüchtlings- und Integrationspolitik (sowie in der Sozial- und Finanzpolitik) möglichst viel von der linken Mitte für sich zu mobilisieren. Die SPD und DIE LINKE laden die vier durch eine unfassbar zielsichere Führung von potenziell die Kernwählerschaft spaltenden Strategie- und Flügelkämpfen zur Unzeit zu solchen Strategien geradezu ein. Die SPD war lange nicht so ein einfaches elektorales Opfer wie jetzt (sorry, das ist ohne jede Häme gesagt). Und DIE LINKE muss sich entscheiden, ob sie sich schnell fängt und Politik macht, oder ob sie weiter an sich lösbare inhaltliche Debatten mit strategischen Kernfragen und personalpolitischen Auseinandersetzungen auflädt. Ich bin gespannt, was Ihr dazu sagt.

Nichts mehr zu sagen?

Hinter der Partei, der ich angehöre, liegt eine schwierige Woche. Die Neukonstituierung der Linksfraktion im Bundestag mündete in eine auch öffentlich geführte Auseinandersetzung zwischen den vier Führungsfiguren von Partei und Bundestagsfraktion. Ich gehöre zu denen, die mit der bisherigen personellen Aufstellung eigentlich keine Probleme haben. Aber die teils bizarren Momente dieser Auseinandersetzung, für die vor allem Sahra Wagenknecht mit einem peinlichen Brief und einem noch peinlicheren Auftritt vor der Hauptstadtpresse sorgte, lassen auch mich etwas ratlos zurück. Nun hat sich heute Christian Baron in einem Meinungsbeitrag mit der These zu Wort gemeldet, Katja Kipping und Sahra Wagenknecht stünden für zwei gesellschaftliche Gruppen, die sich nichts mehr zu sagen hätten, die bildungsbürgerlichen Großstädter und die abgehängte Stadt- und Landbevölkerung. Nun produzieren polarisierte Debatten immer einfältige Vereinfachungen, aber diese hat es doch in sich, weil es von ihr aus nicht weit bis zur These ist, auch die innerparteilichen Gruppen, für die beide sprächen, hätten keine Diskursgrundlage mehr, und von da aus ist es nur noch ein Schritt bis zum Urteil, man könne ja dann auch gleich auseinander gehen. So kann man natürlich denken, wenn man sich aus einem Autorenstübchen die Welt erliest. Aber es verrät eben den unbeteiligten Beobachter, der nicht begriffen hat und nicht begreifen will, dass DIE LINKE genau der fortwährende Kompromiss ist, dessen Möglichkeit er leugnet. Einen ersten kleinen Schritt aus der 100jährigen Spaltungsgeschichte der Linken zu gehen, und damit am Horizont den Wiedereintritt in die Geschichte zu erahnen, das war und ist weder leicht, das war und ist für viele Beteiligte eine Zumutung, aber eine, die sich lohnt. Natürlich kann man ein neues Kapitel der alten Spaltungsgeschichte aufschlagen und feststellen, dass man sich nichts mehr zu sagen hat. Dann muss man aber auch mit der Konsequenz leben, dass man überhaupt nichts mehr zu sagen hat.

Insofern sind die Interventionen von Stephan Lessenich, der Lafontaine und Wagenknecht als „nationalsozial“ bezeichnet, und von Christian Baron, der meint, das urbane linke bildungsbürgerliche Großstadtmillieu könne mangels eigener Armutserfahrungen keine Empathie für die wirklich Abgehängten aufbringen, nur vordergründig gegenläufiger Natur, in Wirklichkeit aber gleich kenntnislos hinsichtlich der LINKEN, über die sie reden.

Wer die bisherigen Interventionen aus Berlin und Merzig von ihrem rhetorischen Gewand befreit und auf den politischen Kern reduziert, findet gar keine unüberbrückbaren Konflikte. Ich habe weder von Sahra Wagenknecht noch von Oskar Lafontaine gehört, dass sie das Asylrecht in Frage stellen. Ich habe allerdings auch von Katja Kipping nicht gehört, dass sie das programmatische Bekenntnis der LINKEN zur weltweiten Freizügigkeit für alle Menschen innerhalb der nächsten vier Jahre als unreguliertes Einwanderungsrecht nach Deutschland für praktikabel hält. Wer Katja Kippings Berliner Rede aufmerksam liest, findet im Gegenteil mögliche Antworten auf die Fragen, die Sahra Wagenknecht stellt. In einem bemerkenswerten Interview mit dem SPIEGEL fordert Sahra Wagenknecht ja, dass DIE LINKE ihre Flüchtlings- und Integrationspolitik „realitätstauglich“ mach. Im Kern besagt diese Intervention der Linskfraktionschefin nichts anderes als das, was Katja Kipping als Debattenanstoß für ein linkes Einwanderungsgesetz konkretisiert, das Zuwanderung reguliert. Die Impulse für eine solche Debatte liegen auf dem Tisch. Bodo Ramelow hat in seiner „Jenaer Rede“ im Juni 2016 die Idee von einer „sozialen Einwanderungsgesellschaft“ stark gemacht. Die Vorsitzenden von sieben Landtagsfraktionen der LINKEN haben eine geschlossene Konzeption für ein linkes Flüchtlings- und Einwanderungsgesetz vorgelegt. Es wäre Aufgabe des Parteivorstands und der Bundestagsfraktion, diese Impulse in einen ergebnisoffenen Diskussionsprozess münden zu lassen und so die Debatten inhaltlich zu kanalisieren. Dass Sahra Wagenknecht programmatische Positionen an ihrer Realitätstauglichkeit misst, straft alle Lügen, die ihr und der LINKEN stets das genaue Gegenteil unterstellen. Im Bereich der linken Außenpolitik könnten mit diesem Impuls ebenfalls jahrzehntealte Blockaden und symbolische Fixierungen aufgebrochen werden. Das Ende aller Auslandseinsätze der Bundeswehr zu fordern ist in der Perspektive der nächsten vier Jahre nicht realitätstauglicher als eine vollkommen unregulierte Freizügigkeit. Die politischen Konflikte sind mit etwas gutem Willen lösbar. Diese Debatten in den vergangenen Jahren nicht zu führen, war fahrlässig. Sie weiter nicht zu führen, ist schlicht unmöglich.

Es gibt gleichwohl einen schwerwiegenden strategischen Konflikt, der sich in dem unübersehbaren Versuch von Lafontaine und Wagenknecht spiegelt, rhetorische Figuren wie die behauptete Konkurrenz zwischen Flüchtlingen und Deutschen um Niedriglohnjobs von der politischen Rechten zu übernehmen. Dass ich dies für einen schweren strategischen Fehler halte, der den Verlust großer Wähler/innengruppen riskiert, ohne eine belastbare Aussicht auf den Gewinn neuer Wähler/innen zu versprechen, habe ich an anderer Stelle bereits ausgeführt. Nimmt DIE LINKE rhetorisch Abschied von der per Definition universellen Idee der Solidarität, dann wird sie rhetorisch rechts, und dann hört sie für Linke auf, DIE LINKE zu sein. Die sozialen Fragen sind und bleiben der Kern des inhaltlichen Angebots der LINKEN. So einfach und auch demoskopisch belegbar ist das. Es gibt schlichtweg kein historisches Beispiel in Europa, in dem es erfolgreich gelungen wäre, linke Inhalte von rechts wählbar zu machen und damit rechten Protest nach links zu kanalisieren. Die Aufgabe, die vor der LINKEN liegt, lässt sich nicht durch rhetorische Kniffe lösen. Wer zur nächsten Bundestagswahl linke Wähler/innen mobilisieren will, muss vor allem eine belastbare Perspektive zur Ablösung von Merkel von links entwickeln. Es wird noch viel zu bereden geben.

Zwei Wege

In Berlin ist durch ein Interview des grünen Bezirksbürgermeisters von Mitte, Stephan von Dassel, eine Debatte über den Umgang mit der wachsenden Zahl obdachloser Menschen aus den osteuropäischen EU-Staaten entbrannt. Berlin hat den Ruf, die „Hauptstadt der Obdachlosen“ zu sein. Als der für die Wohnungslosenhilfe zuständige Staatssekretär bin ich nicht der einzige, der immer wieder darauf hingewiesen hat, dass der für alle im Stadtbild unübersehbare Anstieg der akuten Obdachlosigkeit wesentlich auf diese Personengruppe entfällt. Seit Dezember 2016 versperrt die geltende Rechtslage diesen Menschen trotz der für sie geltenden Freizügigkeit weitgehend den Zugang zu existenzsichernden Sozialleistungen nach den SGB II und XII (landläufiger ausgedrückt: zu Hartz IV und Sozialhilfe). Damit ist diesen Menschen auch der Zugang zu den Regelsystemen der Wohnungslosenhilfe versperrt. Das heißt konkret, dass ihnen meistens keine existenzsichernde Leistungen, und damit auch keine Erstattungen von Unterkunftskosten zustehen. Auch die Leistungen für Menschen in besonderen Lebenslagen nach § 67 SGB XII stehen ihnen i.d.R. nicht zu. Damit geht für sie auch der zumindest der unbefristete Unterbringungsanspruch für wohnungslose Menschen nach dem ASOG ins Leere, und sie sind im Wesentlichen auf das Hilfenetzwerk unterhalb der Regelsysteme angewiesen, das mit Spenden sowie Zuwendungsmitteln des Senats und der Bezirke in einer im Städtevergleich relativ hohen (aber lange nicht ausreichenden) Dichte unterhalten Form von Tagestreffs, Notübernachtungen und der Kältehilfe unterhalten wird. Ein Blick in die Auswertung der Kältehilfe in der vergangenen Saison belegt diesen Befund. Rund 70 Prozent der Gäste kamen aus anderen EU-Ländern, allein ein knappes Viertel der Gäste kam aus Polen.

In Berlin wird nun in konzentrierter Weise Wirklichkeit, was viele bereits mit dem gesetzlichen Vollzug des Ausschlusses von EU-Ausländern aus der sozialen Existenzsicherung befürchtet hatten: die Menschen verschwinden nicht, wenn man ihnen den Zugang zu Sozialleistungen nimmt. Sie sind da, und sie bleiben auch da. Weil die Bedingungen in ihren Herkunftsländern oft noch dramatischer sind. Weil auch unter diesen Obdachlosen solche sind, die aufgrund von psychischen Problemen und extremer sozialer Deprivation ohne ergänzende medizinische oder sozialpädagogische Angebote keinen Weg zurück in ein geregeltes Leben finden. Und nicht zuletzt, weil die verschiedentlich in den Raum gestellte Vorstellung, man könne diese Menschen einfach in ihre Herkunftsländer abschieben, an der Realität vorbei geht. Rechtlich ist dies zwar theoretisch unter vielen Voraussetzungen möglich, aber praktisch hieße das nur, dass die Menschen zurück kommen und erneut ihr Recht auf Freizügigkeit geltend machen.

Der Wunsch nach Abschiebung steht für den einen möglichen Weg, auf die wachsende Zahl obdachloser EU-Ausländer/innen und die daraus erwachsenden sozialen Probleme zu reagieren, die ja nicht nur die Menschen selbst betreffen, sondern auch den öffentlichen Raum, den sie zwangsweise nutzen müssen. Ich wohne am Treptower Park. Auch dort stehen mittlerweile manchmal die Zelte, und unter den Brücken bilden sich Matratzenlager. Und es nicht so leicht, das dem eigenen Kind zu erklären, für das dieser Park eben vor allem ein Spielplatz ist (ebenso schwierig ist es, die eigenen Ängste und Vorurteile zu ignorieren). Es kann niemand ernsthaft verwundern, dass die wachsende Sichtbarkeit von Obdachlosen im öffentlichen Raum die öffentliche Debatte darüber anschwellen lässt, und dass diese sich vor allem um die Nutzbarkeit dieses öffentlichen Raums angesichts der praktischen Herausforderungen dreht. Dennoch hat sich Berlin zu Recht für einen anderen Weg entschieden. Die Haltung des Senats und der Bezirke hat der Innensenator in einem Satz zusammen gefasst: soziale Probleme kann man nicht ausweisen.

Was heißt das? Es heißt definitiv nicht, dass der öffentliche Raum zum Wohnraum werden kann. Es bedeutet zum zweiten nicht, dass Straftaten geduldet werden. Es kann und darf nicht bedeuten, dass Gefahren für Kinder und Jugendliche ignoriert werden. Wo sich bspw. Kinder und Jugendliche prostituieren, muss der Staat einschreiten, sofort und immer, Punkt. Wo öffentlicher Raum durch Obdachlosigkeit auf Dauer nicht mehr nutzbar ist, müssen schnell Lösungen gefunden werden (in der Praxis arbeiten hier Senat und Bezirke übrigens oft sehr unbürokratisch zusammen). Aber es bedeutet, anzuerkennen, dass ein wohnungsloser Mensch zuallererst ein Mensch ist und einen Schlafplatz braucht. Berlin wird bei seiner im Vergleich sehr liberalen Linie im Umgang mit im Freien übernachtenden Wohnungslosen bleiben. Es heißt zum zweiten, dass es keine repressive Lösung der Obdachlosenproblematik geben wird. Eine Rückkehr in die autoritäre Praxis der Obdachlosenasyle früherer Zeiten, die Obdachlosigkeit vor allem aus dem Straßenbild verbannen wollte, ist ausgeschlossen. Es mag sein, dass Berlin die Hauptstadt der Obdachlosigkeit ist. Aber es gehört zum Selbstbewusstsein dieser Stadtgesellschaft, dass Berlin auch die Hauptstadt der Hilfsbereitschaft ist. Wir haben ein Hilfenetz für Wohnungslose, in dem buchstäblich tausende Ehren- und Hauptamtliche diesen Anspruch täglich (und nächtlich) einlösen. Aber dieses Hilfenetz muss verbessert werden, quantitativ und qualitativ. Wir brauchen mehr Notübernachtungsplätze, wir brauchen mehr Kältehilfeplätze, wir brauchen mehr soziale Angebote und eine bessere medizinische Versorgung der Wohnungslosen, und wir brauchen für all das mehr Geld der öffentlichen Hand. Die Voraussetzungen dafür wird der Haushaltsgesetzgeber vermutlich noch in diesem Herbst schaffen. Dann geht es an die schwierige Umsetzung der Vorhaben. Wir brauchen aber auch eine Strategie für die Entwicklung des Berliner Hilfesystems der Wohnungslosenhilfe. Wie können die staatlichen und nichtstaatlichen Akteur/innen besser zusammen arbeiten, wie kann die Vermittlung von Unterkunftsplätzen verbessert werden, wie können wir die Angebote für verschiedene Zielgruppen spezialisieren, wie reagieren wir auf die absehbar weiter steigende Zahl von Wohnungslosen in der Hauptstadt, wie kommen wir zu mehr verfügbarem bezahlbarem Wohnraum in Berlin? Für die Beantwortung dieser und anderer Fragen wird Berlin im Herbst 2018 neue Leitlinien der Wohnungslosenhilfe vorlegen. Ein langer Weg, aber ein Berliner Weg und ein Weg, der den Gedanken der Europäischen Einigung nach vorn weiterdenkt: hin zu einer sozialen Union, in der es mehr Freiheiten gibt, als die, dort Geld zu verdienen, wo man will.

Der freie Markt

Sie sind im Stadtbild kaum noch zu übersehen, die von der Dumping-Airline Ryanair angekündigten 100 Plakate zur Bewerbung der Initiative „Berlin braucht Tegel“ beim anstehenden Volksentscheid über die Schließung des Flughafens. Was das Unternehmen proaktiv als finanzielle Unterstützung der Befürworter/innen einer Offenhaltung des Flughafens kommunizierte, ist aber auch eine temporäre Flutung des öffentlichen Raums in Berlins mit Werbung für die Airline. Denn die 100 Plakate sind klar in der Ästhetik und der Farbgebung der Airline gehalten. Sie enthalten auch unübersehbar links unten das Logo der Airline und ihren Werbeslogan. Es handelt sich also auch (und ich behaupte: vor allem) um 100 gut platzierte Großflächenwerbetafeln für die Airline. Dies alles lohnt vor dem Hintergrund des umkämpften Berliner Werbemarkts eine kleine auf begründeten Vermutungen und Schätzungen beruhende Kalkulation (die jeder und jede gern mit Fakten ergänzen und korrigieren kann).

Soweit ersichtlich handelt es sich bei den Werbeflächen von Ryanair um sogenannte Wesselmanntafeln im Format 3,70 m x 2,90 m, und damit um Werbeanlagen im Sinne von § 11 Abs. 2a des Berliner Straßengesetzes, der die entgeltfreie Nutzung des öffentlichen Straßenraums vor politischen Wahlen und Volksentscheiden regelt. Wesselmanntafeln werden von der gleichnamigen Firma (in einem Fast-Monopol) auf Basis dieser und ähnlicher Regelungen an anderen Orten vor Wahlen und Volksentscheiden aufgestellt. Gehen wir davon aus, dass Ryanair diesen Weg gegangen ist, muss man mit Kosten von etwas 500 Euro für Auf- und Abbau der Plakate rechnen. Ich rechne zusätzlich noch (großzügig) mit einer Agenturleistung und Druckkosten in Höhe von 5.000 Euro, die dem Unternehmen entstanden sein können. Macht also für 100 Standorte im Berliner Straßenraum überschlägig Kosten in Höhe von 55.000 Euro, die Ryanair für die „Unterstützung“ der Initiative „Berlin braucht Tegel“ aufbringt. Dabei ist freilich zu beachten, dass Ryanair diese Kosten mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit steuerlich geltend machen kann und machen wird. Am Ende dürften die Netto-Aufwendungen also viel eher zwischen 30.000 und 40.000 Euro liegen.

Was aber bekommt Ryanair für dieses Geld. Zunächst kann man hier damit argumentieren, dass eine Offenhaltung des Flughafens Tegel im freilich nicht näher bezifferbaren ökonomischen Eigeninteresse des Unternehmens liegt. Damit charakterisiert man die Aufwendungen klassisch im Wesentlichen als eine (freilich recht originelle) Art des politischen Lobbyings eines Unternehmens. Wenn man aber wie ich eingangs dargestellt habe, die Werbetafeln auch als klassische Unternehmenswerbung mit Logo und Werbeslogan einstuft, dann muss man sich fragen, was Ryanair für 100 Werbetafeln in einem Zeitraum von 8 Wochen (das ist die Frist, die das o.g. Gesetz in Berlin für die Aufstellung solcher Werbeanlagen einräumt) aufwenden müsste. Straßenwerbetafeln in dieser Größe lassen sich in Berlin ab etwa 10 Euro pro Tag anmieten, wenn man sich mit nicht im direkten Blickfeld von Auto- oder Fußgängerverkehr liegende Werbeflächen auf Nebenstraßen zufrieden gibt. Prominentere Werbeflächen kosten freilich weitaus mehr, rund 50 Euro pro Tag auf dem Bahnsteig eines großen Bahnhofs oder über 60 Euro pro Tag an stark befahrenen Straßen und Kreuzungen. Die Standorte der Ryanair-Wesselmanntafeln, die z.B. auf dem Mittelstreifen stark befahrener Straßen stehen, ähneln eher letzteren als ersteren. Aber gehen wir ruhig davon aus, dass es nur 25 Euro pro Tag wären, die Ryanair für die Anmietung einer dieser Flächen auf dem Berliner Werbemarkt aufwenden müsste (billiger würde es jedenfalls kaum. Für 56 Tage wären das also überschlägig rund 1.400 Euro pro Werbefläche, für 100 Werbeflächen würde die stolze Summe von 140.000 Euro. Agentur- und Herstellungskosten wären auch hier in der o.g. Höhe fällig, aber auch hier muss in Rechnung gestellt werden, dass die Kosten steuerlich absetzbar wären und am Ende wohl unter 100.000 Euro lägen.

Dennoch ergibt der überschlägige Vergleich ein interessantes Ergebnis. Wenn die Annahme stimmt, dass Ryanair in den Genuss der Regelungen von § 11 Abs. 2a des Berliner Straßengesetzes kommt, wofür vieles spricht (der Gesetzestext sagt nur etwas über die Art der Werbeanlagen, er grenzt nicht den Kreis möglicher Urheber/innen ein), dann dürfte das Unternehmen einen Bruttobetrag von rund 50.000 Euro aufwenden, um eine Werbeleistung zu generieren, die am freien Werbemarkt in Berlin weit mehr als das Doppelte kosten würde. Man kann also mit gutem Recht die Vermutung in den Raum stellen, dass Ryanair mit seiner Unterstützung der Initiative „Berlin braucht Tegel“ eine äußerst günstige Werbekampagne für die eigene Marke im Berliner öffentlichen Raum verbindet, und in diesem Fall ein für politische Debatten geschaffenes gesetzliches Privileg für Unternehmenswerbung missbraucht. Dass es eine politische Partei gibt, die das wohlwollend ermöglicht hat, sonst aber bei jeder Gelegenheit den freien Markt preist, sagt als Randnotiz viel über deren politische Glaubwürdigkeit aus.

Ein bemerkenswerter Anstieg?

Das Bundeskabinett verabschiedet heute den Sozialbericht 2016, als dessen zentralen Befund die Nachrichten einen Anstieg der Sozialausgaben in 2016 um 3,8 Prozent auf rund 918 Milliarden Euro vermelden. Die Arbeitgeberverbände haben bereits im erwartbaren Reflex vor einem weiteren Anstieg der Sozialausgaben gewarnt, und man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass dieselben Leute irgendwann um 2020 herum mit schreckgeweiteten Augen den Anstieg der Sozialausgaben auf über eine Billion Euro beklagen werden. Sozialverbände und Gewerkschaften weisen ihrerseits (im Prinzip richtigerweise) darauf hin, dass deutlich steigende Sozialausgaben bei stabiler Wirtschaftsentwicklung ein Hinweis auf eine hohe Zahl prekärer Jobs seien. Aber ist der Anstieg wirklich so bemerkenswert?

Um zu beurteilen, ob die Sozialausgaben tatsächlich überproportional steigen, muss man sich die Mühe machen, sie in eine Relation zum Bruttoinlandsprodukt zu setzen, das 2016 bei rund 3.134 Milliarden Euro lag. Der Anteil der Sozialausgaben lag damit bei rund 29,3 Prozent und damit ziemlich genau auf dem Niveau der vergangenen Jahre und deutlich unter dem Niveau der 70er und (Vergleichsreihe bis 2015 hier). Von einem überproportionalen Anstieg kann schon aus dieser Sicht keine Rede sein. Viel bemerkenswerter ist, dass die Sozialausgaben im Jahr 2016 nicht signifikant gestiegen sind, obwohl Bund, Länder und Kommunen hunderttausende Flüchtlinge unterzubringen und in die sozialen Sicherungssysteme zu integrieren hatten. Die Bundesrepublik hat diese Aufgabe fiskalisch offenbar ohne größere Anstrengungen gestemmt (ebenso wie sie übrigens auch den in denselben Zeitraum fallenden Ausbau der Kindertagesbetreuung stemmt). Von der im politischen Spektrum zwischen CSU, AfD und NPD gern beschworenen drohenden Überlastung des deutschen Sozialsystems durch die Zuwanderung seit 2014 kann also ebenfalls keine Rede sein. Und im europäischen Vergleich liegt die Bundesrepublik bei der Sozialleistungsquote übrigens ganz und gar nicht an der Spitze, sondern sogar teils deutlich hinter anderen vergleichbaren Staaten in West- und Mitteleuropa. Die globalen Befunde des Sozialberichts 2016 sind weitgehend unspektakulär, was freilich nicht heißt, dass es keine interessanten Debatten über die Zukunft des Sozialstaats zu führen gäbe.

#Rockgegenlinks

Das Hamburger Krawall-Wochenende mündet in eine politische Debatte, deren Kontrahent/innen meistens ebenso erwartbar sind wie ihre Einlassungen. Es ist Wahlkampf. Herausragend ist aber eine Äußerung des amtierenden Bundesjustizministers Heiko Maaß, der die Ereignisse des Wochenendes zum Anlass für eine Reihe von nicht ganz neuen politischen Forderungen nimmt, um dann in ausdrücklicher Analogie zu den „Rock gegen Rechts“-Konzerten ein „Rock gegen Links“ als gesellschaftliche Reaktion auf die Hamburger Krawalle einzufordern. Diese Forderung ist allein deshalb bemerkenswert, weil sie von einem führenden Vertreter einer Partei kommt, die gern und immer wieder ihre Identität als „linke Volkspartei“ betont und allen historischen Hakenschlägen zum Trotz ihre Herkunft aus der Arbeiter/innenbewegung betont. Noch bemerkenswerter ist aber, dass Heiko Maaß offenbar nicht weiß, wer das politische Copyright an der Idee „Rock gegen links“ hat. Die Neonazi-Rockband Freikorps veröffentlichte im Jahr 2016 ein  Album namens „Land meiner Väter“, auf dessen Verlinkung ich hier verzichte. Auf diesem Album findet sich ein Song mit dem Titel „Rock gegen links“. Ich bin sehr gespannt, was aus dieser Idee wird, nachdem sie von einem sozialdemokratischen Bundesminister in die politische Welt gesetzt wurde. Ich wage die Prognose, dass sich mindestens im politischen Feld jenseits der SPD jemand findet, der diesen Elfmeter im Wahlkampf nicht liegen lassen wird.

Generation Kohl Ost

Ich lese an diesem Sonntagmorgen einen Kommentar in der „Bild am Sonntag“ über die „Generation Kohl“, mit der „alle“ gemeint sind, die in den 80er und 90er Jahren erwachsen wurden. Nun mag es sogar so sein, dass die Erinnerung an die Kohl-Ära heute für viele mit der Erinnerung an eine Zeit vermeintlicher Gewissheiten und Stabilitätsversprechen erinnern. Das ist aber alles andere als besonders bemerkenswert. Wir erinnern uns fast immer mit einem gewissen Wohlbehagen an eine Geschichte, die wir mehr oder weniger schadlos überstanden haben, ganz einfach deshalb, weil wir (anders als heute) das Ende kennen. Ich gehöre auch zu dieser „Generation Kohl“, aber ich erinnere mich an diese Jahre etwas anders. Und das mag damit zu tun haben, dass ich aus dem Osten der Republik komme. Meine erste direkte Erinnerung an Helmut Kohl reicht in den Dezember  1989 zurück. Damals sprach Helmut Kohl in meiner Heimatstadt vor einem Meer aus Deutschlandfahnen. Ich war 15 und stand mit einigen Freunden auf dem Platz. Wir wollten eigentlich nichts Bestimmtes. Aber wir waren erkennbar „Linke“, und das war zu dieser Zeit an manchen Orten zur falschen Zeit recht gefährlich. Und so sprach vorn Helmut Kohl über die Einheit, und 200 Meter davon entfernt wurden wir von Anhängern der DSU (eines ostdeutschen Rechtsablegers der CDU) vom Platz gejagt. Dafür konnte natürlich Helmut Kohl nichts. Aber es eröffnet eben doch einen anderen Erinnerungshorizont. Ich behaupte, diejenigen, die im Osten der Republik Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre erwachsen wurden, erinnern sich an diese Zeit anders und an Helmut Kohl anders.

Im Osten der Republik war die „Generation Kohl“, so wie sie die Bild-Zeitung aus einer rein westdeutschen Perspektive beschreibt, eine Veranstaltung derjenigen, die 1990 30 Jahre oder älter waren, meistens sogar sehr viel älter. Im März 1990 sorgten im Wesentlichen unsere Großeltern, geködert mit dem Versprechen harter D-Mark-Renten, dafür, dass die „Allianz für Deutschland“ die absolute Mehrheit bei den ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR errang. Damit war die Entscheidung besiegelt, dass die DDR im Juli 1990 in eine (wirtschaftlich verheerende) Währungsunion mit der BRD und im Oktober 1990 der Bundesrepublik beitrat. In den ostdeutschen Städten konnte man in diesen Jahren als junger Mensch viel Freiheit erleben, wenn man sie sich nahm, und viel Tristesse, wenn man sich ihr ergab. Das Lebensgefühl „meiner“, der Generation Kohl Ost, also derjenigen, die in diesen Jahren Teenager und junge Erwachsene waren, kam viel stärker in einem Film aus dem Jahr 1997 zum Ausdruck, der „Das Leben ist eine Baustelle“ hieß. Ein junger Jürgen Vogel spielt hier die mehr oder weniger gescheiterte Existenz eines Mit-Zwanzigers, der durch das Nachwende-Berlin treibt. Scheitern als Massenerfahrung, Chaos, Absurditität, Verrücktheit, Trauer und Liebe. „Die Liebe in Zeiten der Kohl-Ära“ lautet ein Graffiti, an dem die Protagonisten des Films in einer Nacht vorbeilaufen.

Helmut Kohl war in dieser Welt ein ferner Mann in einer fernen Stadt, die sich Hauptstadt des Landes nannte, dessen Bürger man nun war. Er stand für eine Stabilität, die man vor allem im Westen der Republik erleben konnte, während im Osten Biografien, Familien und Lebensläufe durcheinander gerüttelt wurden. Damit mich niemand falsch versteht, ich habe der DDR nie nachgetrauert. Ich bin dankbar für das Glück, dass ich als Teenager die Erfahrung einer gefühlt unbegrenzten Freiheit machen durfte. Aber es war eine andere Freiheit als die, die BILD meint, und es ist auch eine andere Erinnerung.

Bildungsteilzeit – Ein Vorschlag zur Diskussion

Der Chef der österreichischen Arbeiterkammer, Rudolf Kaske hat in unserem Nachbarland eine Debatte darüber angestoßen, wie dem wachsenden Weiterbildungsdruck auf Arbeitnehmer/innen im Laufe eines Erwerbslebens begegnet werden kann. Die Arbeitskammer möchte ein Qualifizierungsgeld einführen, auf das alle Anspruch haben, die mindestens fünf Jahre gearbeitet haben. Jede/r Beschäftigte soll einen gesetzlichen Anspruch darauf haben, zweimal im Lauf des Erwerbslebens eine bis zu drei Jahre lange Auszeit vom Job für eine Weiterbildung zu nehmen. Während dieser Zeit sollen ca. 900 Euro pro Monat vom Staat als Qualifizierungsgeld gezahlt werden. Der Vorschlag korrespondiert mit Überlegungen für die Einführung eines Arbeitslosengelds Q, die der SPD-Vorsitzende Martin Schulz in den Bundestagswahlkampf eingeführt hat. Erwerbslose, die sich weiterbilden, sollen demnach Anspruch auf bis zu 48 Monate Arbeitslosengeld I haben. Die Frage, wie der Staat auf den wachsenden Veränderungs- und Flexibilitätsdruck reagiert, der auf Arbeitnehmer/innen im Zeitalter der Digitalisierung lastet, gehört zweifellos zu den Zukunftsfragen der sozialen Sicherung. Wenn es stimmt, dass viele Berufe, in denen wir in 2o Jahren arbeiten werden, heute noch gar nicht existieren, und dass sich praktisch alle Berufe deutlich verändern werden, dann stellt sich die Frage danach, wann und wie diese Berufe und die neuen Fertigkeiten erlernt werden, an alle, mindestens an alle, die heute unter 50 sind. Es ist also höchste Zeit, eine Debatte darüber zu beginnen, wie progressive Sozial- und Bildungspolitik im Zeitalter der Digitalisierung zu gangbaren Konzepten verzahnt werden kann.

Ausgangspunkt dafür muss das bestehende System der sozialen Sicherung und dessen organische Weiterentwicklung auf einem progressiven Pfad sein. Wie können wir also die Idee der Schaffung von Freiräumen für Fort- und Weiterbildung in das bestehende System der sozialen Sicherung in Deutschland integrieren? Ein sinnvoller Weg wäre aus meiner Sicht das Wiederaufgreifen eines bewährten Konzepts: der Altersteilzeit. Beschäftigte konnten ab dem 55. Lebensjahr ihre Arbeitszeit bei 70 Prozent ihrer bisherigen Nettobezüge halbieren. Der Arbeitgeber zahlte 50 Prozent des bisherigen Bruttoentgelts, der Restbetrag wurde von der Bundesanstalt für Arbeit beigetragen, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass durch den Altersteilzeiter frei werdende Arbeitsstelle durch einen Arbeitslosen  oder Berufsanfänger besetzt wurde. Außerdem hat die Bundesanstalt für Arbeit den Rentenbeitrag des Altersteilzeiters auf 90 Prozent des Vollzeitentgelts aufgestockt. Die tarifvertragliche Ausgestaltung der Alterszeit war freigestellt. Die Tarifparteien machten von dieser Möglichkeit auch rege Gebrauch und vereinbarten die Aufstockung des Nettoentgelts über 70 Prozent hinaus und die Möglichkeit, die Altersteilzeit im Block zu nehmen. Interessanterweise haben die Tarifparteien dieses Instrument bereits unter neuen Vorzeichen – und ohne die Unterstützung des Staates – weiterentwickelt, als Bildungsteilzeit, wie sie die IG Metall 2015 in der Metall- und Elektroindustrie vereinbarte. Auch bei der Altersteilzeit preschten in den 90er Jahren die Tarifparteien vor, und der Staat zog mit einer gesetzlichen Regelung nach. So könnte es auch diesmal kommen.

Denkbar wäre meines Erachtens die Einführung eines gesetzlichen Anspruchs auf eine Bildungsteilzeit für jede/n Arbeitnehmer/in. Konkret hieße das: jede/r Arbeitnehmer/in erhält nach Erfüllung einer Anwartschaftszeit (fünf Jahre Beitragszahlung wären hier eine mögliche Richtgröße) die Möglichkeit, für bis zu drei Jahre Bildungsteilzeit zu beantragen. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Arbeitszeit um 50 Prozent reduziert wird. Der Arbeitgeber zahlt entsprechend 50 Prozent des Bruttoentgelts. Die Bundesagentur für Arbeit gleicht den Einkommensverlust zu 60 bzw. 67 Prozent aus. Damit würde insgesamt ein Niveau von 80 bzw, 83,5 Prozent der früheren Nettoeinkünfte erreicht. Die Bildungsteilzeit müsste selbstverständlich für eine Ausgestaltung durch tarifvertragliche Regelungen offen sein, die bspw. die Aufstockung der Einkünfte durch den Arbeitgeber über dieses Niveau hinaus ermöglichen. Dadurch ließe sich auch ermöglichen, dass die Bildungsteilzeit optional wie bei der Altersteilzeit in einem Blockmodell genommen wird, d.h. dass für einen bestimmten Zeitraum eine vollständige Freistellung für eine Weiterbildung erfolgen könnte. Ebenso selbstverständlich müsste es möglich sein, nach der Erfüllung der Voraussetzungen, mehrmals in einem Erwerbsleben Bildungsteilzeit zu nehmen. Eine Finanzierung der Ausgaben über die Beitragsmittel der Bundesagentur für Arbeit ist tragbar, vor dem Hintergrund arbeitsmarktpolitischer Ziele gut begründbar und systematisch möglich. Über diesen Vorschlag kann man im Prinzip und im Detail diskutieren. In Österreich, wo es bereits seit 2013 ein ähnliches Instrument gibt, wird über Für und Wider rege gestritten. An der Debatte darüber, wie soziale Sicherung auf die Herausforderungen der Digitalisierung reagiert, führt auch hierzulande kein Weg vorbei.

Europa auf der Agenda

Man darf getrost die Möglichkeit ausschließen, dass Angela Merkel gestern spontan sprach, als sie in einem bayerischen Bierzelt die vier Sätze sagte, die heute tatsächlich weltweit die Schlagzeilen bestimmen:

„Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei. Das habe ich in den letzten Tagen erlebt. Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen. Natürlich in Freundschaft mit den Vereinigten Staaten, natürlich in Freundschaft mit Großbritannien. […]“

Und man darf ebenso davon ausgehen, dass Merkel, der Ort dieser Einlassung dürfte nicht zufällig gewählt sein, mit dieser Äußerung weniger Welt- als Innenpolitik macht. Es ist Wahlkampf, und Angela Merkel hat sich offenbar dazu entschieden, etwas zu tun, das bis vor kurzem undenkbar erschien. Sie setzt Europa auf die Agenda des Bundestagswahlkampfes und setzt damit einen neuen Debattenrahmen für die kommenden Monate. Dies wird eine neue zentrale Konfliktlinie in diesen Wahlkampf einziehen. Für oder gegen Europa zu sein, wird eine der zentralen Fragen sein, die Parteien und ihre Führungspersönlichkeiten in diesem Wahlkampf zu beantworten haben. Das heißt, jede Partei, die mit Aussicht auf den Einzug in den Bundestag um Stimmen kämpft, ist gut beraten, in dieser Frage keine Dissonanzen zuzulassen und klar Position zu beziehen. Die Zeiten, in denen eine Partei heute ein Bekenntnis für die europäische Einigung abgeben und morgen ungestraft das Gegenteil behaupten kann, sind mit dieser Entscheidung von Angela Merkel vorbei.